Dr. Stefan Wess, Attensity Europe / Dr. Orestis Terzidis, SAP / Hermann Friedrich, Siemens "Pfiffige Ideen setzen sich durch"
Die drei Stifter des Sonderpreises Attensity, SAP und Siemens sind Partner im Forschungsprogramm Theseus des Bundeswirtschaftsministeriums, in dem Technologien und Anwendungen für das „Internet der Dienste“ entwickelt werden. Neben Ihnen sind noch an die 60 weitere Forschungseinrichtungen und Unternehmen am Programm beteiligt. Warum ist das Internet der Dinge für Sie und die anderen Theseus-Partner so wichtig?
Hermann Friedrich (Siemens AG): Das Internet der Dienste und Internet der Dinge werden das Internet der Zukunft prägen. Die Philosophie des Internets, weltweit verteilte Computer zu vernetzen und miteinander kommunizieren zu lassen, wird im Internet der Dinge auf die Welt beliebiger physikalischer Objekte angewendet. Die Daten und Informationen, die die Geräte erzeugen und miteinander austauschen, werden wiederum für neue Dienste genutzt, die vor allem über das Internet angeboten werden. Daraus ergeben sich große Innovationspotenziale in Bereichen wie Logistik, Verkehrstechnik oder im Gesundheitswesen.
Dr. Stefan Wess (Attensity Europe GmbH): Gerade das rasante Wachstum des mobilen Internet durch den Siegeszug von Smartphones und anderer intelligenten High-Tech-Geräte wie Tablet-Computer hat den Nährboden für Dienste bereitet, die vor wenigen Jahren für die meisten von uns noch völlig undenkbar waren. Die immer stärkere Verbreitung von sogenannten „intelligenten Dingen“ oder „intelligenten Sensoren“ im Alltagsleben der Menschen wird dieser Entwicklung einen zusätzlichen Schub verleihen. Als ein Land, das seine Wertschöpfung sehr stark aus Business-to-Business-Beziehungen schöpft, ist es für den Erfolg unserer Volkswirtschaft essenziell, unsere Produkte und Dienstleistungen intelligent miteinander zu verknüpfen. Genau hierfür bilden das Internet der Dienste und das Internet der Dinge die Basis.
Dr. Orestis Terzidis (SAP AG): Es ist sehr wichtig, frühzeitig Trends zu erkennen und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Im Internet der Dienste sehen wir großes Potential für die Entstehung einer ganz neuen Form der Nutzung des Internets. Dienste werden digital beschrieben und so über das Internet handelbar, wie man es heute vom Handel mit Produkten kennt. Durch die in THESEUS TEXO entwickelten Technologien lassen sich Dienste digital beschreiben und so miteinander zu maßgeschneiderten Angeboten kombinieren. Wir sind einer der Pioniere in der Entwicklung der benötigten Technologien.
In Ihrer Ausschreibung des Sonderpreises nennen Sie als beispielhafte Anwendungsbereiche für das Internet der Dienste die Gesundheit und unternehmensnahe Dienstleistungen. Warum sehen Sie in diesen Bereichen besondere Potenziale für digitale Dienstleistungen?
Hermann Friedrich (Siemens AG): Wer möchte nicht möglichst lange möglichst gesund leben? Durch digitale Dienste kann sowohl der Gesunde als auch der Patient zukünftig eine aktivere Rolle im Gesundheitswesen spielen. Services im Internet könnten in Zukunft die Rolle eines „digitalen Lotsen“ für den medizinischen Laien spielen. Aber auch die verschiedenen Leistungserbringer im Gesundheitssystem wie Ärzte, Krankenhäuser oder Versicherungen profitieren vom Internet der Dienste. Denn Arbeitsabläufe zur Diagnose, zur Therapie oder auch zur Abrechnung werden durch digitale Dienste wesentlich verbessert. Das Ziel ist höhere Qualität bei sinkenden Kosten.
Dr. Stefan Wess (Attensity Europe GmbH): Die Produktionsprozesse wurden in der letzten Dekade gerade auch durch die IT sehr stark optimiert. Eine ähnliche Entwicklung steht für viele Dienstleistungen bislang noch aus. Hier hat die Digitalisierung – trotz der rasanten Entwicklung des Internet - in vielen Bereichen gerade erst begonnen. Für den Fall, dass die erzielbaren Rationalisierungseffekte in diesem Bereich ähnlich hoch sein werden wie im Produktionsbereich, stehen wir hier gerade erst am Anfang einer weiteren Revolution.
Dr. Orestis Terzidis (SAP AG): In THESEUS TEXO wird eine Plattform entwickelt, die den Handel von Dienstleistungen jeglicher Art optimiert. Davon profitieren Dienstanbieter aus dem öffentlichen Sektor genauso wie private Unternehmen, aber auch die Konsumenten von Diensten. Unser Ziel ist es junge Start Ups als Partner zu gewinnen, um ihre Geschäftsideen im „Internet der Dienste“ marktfähig zu machen. Im Wachstumsmarkt „Gesundheit“ sehen wir großes Potential für neue IT-gestützte Geschäftsmodelle.
Auf den ersten Blick wird die Dynamik des Internet entweder durch große Unternehmen wie Google und Facebook oder durch die unzähligen privaten Nutzer, Blogger und Programmierer von Web-Anwendungen bestimmt. Gibt es im Internet überhaupt noch Platz für Startups, die auch Geld verdienen können?
Hermann Friedrich (Siemens AG): Das Internet ist gemessen an seiner Bedeutung für die globalisierte Welt noch recht jung. Daher bieten sich immer wieder neue Chancen. Google konnte sich als Startup gegen die etablierte Altavista Suche durchsetzen und Facebook entschied den Wettstreit gegen MySpace für sich. Im Internet passieren diese Umwälzungen schneller als in klassischen Branchen wie der Automobilindustrie oder der Energieversorgung. Die Einstiegsbarrieren im Internetgeschäft sind viel geringer, der Konkurrenzkampf ist dafür deutlich härter. Doch pfiffige Ideen setzen sich durch. Das zeigen die zahlreichen Startups, die in kurzer Zeit schwarze Zahlen erreichten. Solche Ideen gilt es zu finden und zu fördern.
Dr. Stefan Wess (Attensity Europe GmbH): Technologische Umbrüche und sich gerade erst entwickelnde Märkte ermöglichen gerade Start-ups, sich gegen etablierte Wettbewerber durchzusetzen und Marktanteile zu gewinnen, da arrivierte Marktplayer erfahrungsgemäß eher dazu neigen, vorsichtig oder sogar träge zu agieren, anstatt Vorreiter eines neuen Trends zu werden. Die Geschichte zeigt, dass im Internet solche Umbruchszenarien oftmals relativ kurz hintereinander folgen und dazu führen können, die Wettbewerbssituation völlig neu ordnen.
Dr. Orestis Terzidis (SAP AG): Kleineren Firmen mit spezialisierten Service-Angeboten bietet das Internet der Dienste vielfältige Möglichkeiten und große wirtschaftliche Aussichten. Das liegt daran, dass das Medium Internet eine enorm gesteigerte Reichweite bietet. Dadurch werden auch für kleine Firmen neue Marktsegmente erschlossen. Allerdings müssen sich die Firmen auch angemessen auf diesen neu entstehenden Wirtschaftsraum einrichten.
Sie bieten dem Gewinner des Sonderpreises die Nutzung des TEXO Labs an. Was genau erwartet den Preisträger?
Dr. Orestis Terzidis (SAP AG): Das TEXO Lab ist eine virtuelle Plattform, auf der die in TEXO entwickelten Technologien zur Erprobung neuer Geschäftsideen bereitgestellt werden. Dem Gewinner wird die Möglichkeit geboten, mit zukünftigen Standards der internetbasierten Dienstleistungswirtschaft Erfahrungen zu sammeln. Er kann seine Geschäftsidee mit TEXO-Technologien erproben und wird dabei intensiv von den Entwicklern der Technologien betreut.


